~ beschissene Tage ~

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(Foto: Daniel Siegenthaler)

Wir kennen sie alle. Wir haben sie alle. Aber wir sprechen nicht darüber. Ganz ehrlich … ich hatte gestern einen richtig beschissenen Tag. Ich hatte überall im Körper Schmerzen, von der Migräne mal ganz abgesehen. Ich versuchte spazieren zu gehen und schaffte nicht mal die Hälfte des Weges und als ich mich dann setzte wäre ich fast eingeschlafen, weil mir die Augen zufielen und ich so müde und erschöpft war. Von den ganzen Weinanfällen will ich gar nicht reden. Mir war gestern einfach nur nach weinen. Gestern ging so gar nichts bei mir. Heute bin ich nicht wirklich viel fitter, aber ein paar Prozentchen sind es dann doch schon.

Ok, ich habe innerhalb von 7 Tagen (31.03.-07.04.) zwei Retraumatisierungen hinter mir und das auch noch mit meinen beiden wirklich größten Traumata. (Ich muss leider sagen, dass ich mich noch nicht traue hier darüber zu sprechen.) Ok, das ist echt nicht ohne und das kostet Kraft. Meine Lucy war auch noch krank, weil sich die Wunden der Zahn-OP entzündet hatten und sie 40 Fieber hatte. Und wenn ich jetzt in meinen Körper spüre, dann spüre ich die Daueranspannung. Solche Dinge müssen verarbeitet werden und das geht nicht von jetzt auf sofort. Natürlich hilft es dabei, wenn man sich vor Augen hält, wer man jetzt ist und dass man gehalten ist und anders auf Situationen reagieren kann, aber erst einmal spürt man das alles in den Knochen und in jedem Muskel – ich zumindest. Und mein Körper schreit gerade nach einer Pause. Und ich möchte so gern eine Prozess-Pause machen, nur habe ich da gar nicht zwingend den Einfluss darauf. Mir passieren die Dinge, weil ich jetzt bereit bin. Witzig, ich schrieb eben statt „bereit“ nur „breit“, stimmt auch irgendwie, denn wenn man in einer gewissen Art und Weise „breit“/fertig/wehrlos ist, dann geschehen solche Dinge, denn dann muss man sich sie ansehen und kann sich nicht wehren und dagegen ankämpfen. Man ist also sowohl breit als auch bereit. In meinem schamanischen Kreis nennen wir das immer „Mango sein“, was soviel wie „reif sein“ bedeutet. Und dann beginnt der Prozess und es tut erst noch einmal so richtig weh und es zieht einen runter und man weiß nicht weiter, bis man dann an den Punkt kommt wo einem bewusst ist, wo man jetzt in seinem Leben steht, welchen Weg man schon gegangen ist, was man schon alles aufgelöst hat und wer man jetzt ist … und ab da verändert sich etwas. Wenn man dann auch noch Dankbarkeit und Demut spürt, weil sich etwas zeigt, was jetzt geheilt werden kann, dann wird es noch ein Stück leichter. Und natürlich „sollte“ man sich auch immer Hilfe an die Seite holen, denn dafür gibt es so viele wundervolle Menschen mit wundervollen Gaben. Solche Prozesse sind nicht mit einem Fingerschnipsen aufgelöst und beendet, das kann sich ziehen. Und glaubt mir, ich würde gerade nur zu gern mit dem Finger schnipsen und den ganzen „Schlamassel“ beenden.

Erst heute habe ich wieder den Spruch gelesen „WENN DU DENKST SPIRITUALITÄT BEDEUTET IM SONNENSCHEIN ZU LEBEN, DANN IRRST DU DICH. ES BEDEUTET ALL DEINE SCHATTENSEITEN ANS LICHT KOMMEN ZU LASSEN.“. Für mich ist das mehr als nur stimmig, denn es hilft nicht sich nur der Sonne zuzuwenden und die Schatten hinter sich fallen zu lassen, man muss sich diesen auch stellen. Naja, „müssen“ müssen wir es nicht. Das darf jeder für sich entscheiden. Und doch steckt auch noch eine ganz andere Wahrheit dahinter, eine Erinnerung die ich ab und zu brauche … denn ich darf mich auch mal wieder der Sonne zuwenden. Wenn ich so von einem Prozess in den nächsten „stürze“, dann vergesse ich manchmal, dass es da eine Sonne gibt der ich mich zuwenden kann. Pausen, freudige Dinge tun … mal was ganz anderes machen. Das vergesse ich wirklich immer wieder. Und da muss ich nun wieder an das Bild mit der Raupe denken … egal wie schnell und viel sie frisst, sie wird nicht früher ein Schmetterling werden, als es für sie bestimmt ist. Ok … Pause … atmen … Augen schließen … Schultern fallen lassen … atmen … atmen … atmen … sein Herz spüren … atmen … und dann kehrt mal wieder Ruhe ein und alles andere wird unwichtig und leichter. Das sind Sekundenmeditationen, die jeder schafft. Keine 30Sekunden braucht man dafür und das mehrfach am Tag hilft ungemein.

Nun gut … ich werde mir jetzt einen schönen Tee machen und mich mit einem Buch auf mein Sofa setzen, in eine Decke kuscheln und meine Gedanken an andere Orte schicken. Eine Pause von meinen Prozessen, bis ich mich ihnen dann wieder stelle und sie mir wieder ansehe und weiter loslasse, annehme und heile. Step by Step, mit Pausen.

Ich möchte euch sagen, dass ihr nicht allein seid mit scheiß Tagen, mit Traurigkeit und Verzweiflung, mit Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung. Jedem Menschen geht es mal so und wir dürfen auch darüber sprechen und dies anderen sagen. Wir dürfen auch mal in diesem Sumpf verweilen, bis wir uns dann wieder selber rausziehen und weitermachen. Und dann lasst uns mehr Pausen einlegen. Pausen vom Alltag. Pausen von unseren inneren Prozessen. Pausen von der Gesellschaft. Pausen von unseren Pflichten. Pausen … einfach mehr Pausen und dann atmen, atmen und ausruhen und in einer inneren Ruhe verweilen, schlafen und Bücher lesen oder Filme schauen die unsere Fantasie beflügeln und uns für eine kurze Zeit an andere Orte bringt. Ja, wir dürfen auch Pausen vom Hier und Jetzt machen. Einfach mal unerreichbar sein. Und nun mache ich Pause.

Herzensgrüße, eure Kerstin