~ Ehrung der Weiblichkeit ~

Gestern Abend kam auf arte der Film „Wüstenblume“ und danach die Doku „Viva la Vulva“. Ich eiere schon seit vielen Monaten um dieses Thema herum. Ich weiß, dass ich etwas darüber schreiben will, aber irgendwie traue ich mich nicht. Warum denn nur nicht? Es ist doch alles natürlich und da gibt es doch gar nichts Schlimmes. Und so wie ich über gute und schlechte Phasen in meinem Leben schreibe und da meine positiven wie negativen Kommentare erhalte, so werde ich es hier ebenso bekommen. Und doch war da bis gestern Abend eine Hürde, die ich mich nicht traute zu „überspringen“. Eigentlich war sie winzig, aber in meinem „Kopf“ war sie doch riesig.

„Viva la Vulva“ … es geht doch noch gar nicht mal darum die Vulva zu feiern und riesig zu verehren. Wenn wir sie wenigstens annehmen und gut behandeln und mit positivem Blick betrachten und berühren, dann sind wir einen riesen Schritt weiter.
Ich erinnere mich noch zu gut an die eine Klassenfahrt. Ich duschte und eine Mitschülerin kam hinein, sah meine Vulva, zeigte mit dem Finger auf sie und meinte „Iiiiiih, was hast du denn da?“. Es war traumatisch für mich, denn ich fühlte mich nicht nur darin bestätig anders zu sein, sondern ganz offenbar hatte ich „da unten“ auch etwas, wovor man sich ekeln musste. Das Schlimme daran ist, dass ich das wirklich sehr, sehr, sehr lange so glaubte. Ich dachte wirklich, dass meine Vulva eklig ist, weil meine inneren Schamlippen größer sind als die äußeren. Ich dachte wirklich es ist eklig. Ich habe mich geschämt. Ich selber habe mich zwar dennoch gern angefasst, aber ich habe aus diesem Grund sehr lange gewartet bis mich ein Mann nackt sah. Ich hatte Angst davor es geschieht wieder. Und auch danach dachte ich, dass meine Vulva nicht schön ist. Nur, weil mir kein Mann sagte, dass er sie schön findet. Aber mal ganz ehrlich, es gibt ja schließlich auch keine Pornos, Filme oder Bücher, in denen gesagt wird, dass die Frau eine schöne Vulva hat. Es heißt der Mann hat einen schönen, großen und harten Penis und die Frau hat eine geile Fotze. Das ist unser Wort dafür. Was zu dem auch noch als Schimpfwort genutzt wird. Wie bitte soll ein Mädchen/Frau jemals darauf kommen, dass ihre Weiblichkeit schön ist und sie es verdient wahrgenommen und geehrt zu werden? Ein jeder von uns wurde geboren und (im natürlichsten Fall) wir verließen den Schoß unserer Mutter. Eine Frau schenkte uns unser Leben, wie können wir dann nur so schlecht über etwas sprechen, welches wir unser Leben verdanken?
Ich könnte jetzt einen Roman darüber schreiben, was ich über den ganzen Umgang mit der Sexualität denke und was ich mir wünschen würde, nur liegt mir ehrlich gesagt mehr daran euch von mir und meinem Umdenken zu erzählen. Denn, ich persönlich finde, nichts hilft mehr als einander zu berichten, was in einem passierte und warum.

Es war am 23.Juni 2016 in meiner Schamanenausbildung. Meine Lehrerein Heidi stellte ein neues Format vor – „die Ehrung der blutenden Frau“. Sie erzählte uns wie heilig unser Blut doch eigentlich ist und wie sehr wir uns davor ekeln … (ich muss tief durchatmen, denn ich erinnere mich heute noch daran, als währe es gestern gewesen) … Ich habe mich ein paar Wochen zuvor mit der Menstruation beschäftigt, weil ich von der Menstruationstasse gelesen hatte. Ich fand es sehr interessant und hatte auch schon welche versucht, aber irgendwie passten sie nicht. Daher ließ ich davon ab, weil es ja ganz offensichtlich nicht zu mir passte. Dann kam dieses Ausbildungswochenende und „das Ritual zur Ehrung der blutenden Frauen“. Heidi fragte am Ende ihrer Erzählung, welche aktuell blutenden Frauen sich denn ehren lassen würden. Ich erinnere mich, dass eine Frau fragte ob sie sich auch ehren lassen dürfe, auch wenn sie jetzt aktuell nicht bluten würde und mit ihr wollten sich noch viele andere Frauen ehren lassen – ich auch. Ich war neugierig darauf, was passieren würde und ich wollte wissen, was mit mir geschieht. Heidi war erstaunt, wie viele Frauen sich ehren lassen wollten, auch Frauen die nicht mehr bluteten, denn sie hatte gehofft zwei, drei Frauen würden sich melden, aber es waren dann doch fast alle Frauen des Kreises. Wir teilten uns in mehrere Gruppen auf, damit wir alle auch die Chance hatten einander zu ehren. Dann begannen wir zu trommeln und zu singen „jai mata kali jai mata durge …“ und wir traten einander gegenüber, mit so viel Liebe, Respekt und Anerkennung für einander und die Weiblichkeit. Wir fühlten all die Schmerzen, die die Menstruation mit sich bringen kann und wir ehrten auch die Entbehrungen die diese Zeit mit sich bringen kann. Wir ehrten die Reinigung, welches uns durch das Blut geschenkt wird und wir ehrten die Fruchtbarkeit und das Loslösen der Eizelle. Wir ehrten einander. Die Tränen flossen bei den Geehrten wie bei den Ehrenden. Es war unglaublich emotional und so reinigend.
Ich habe mich bis dahin mein Leben lang vor meinem Blut geekelt und ich fand es ekelhaft den Tampon mit einzuführen und dann das Blut an meinem Finger zu haben. Die Schmerzen und dieses ekelhafte Gefühl zwischen den Beinen, wenn das Blut hinausläuft. Wenn man sich wäscht und die ganze Vulva voll Blut ist. Ich musste daran denken, dass ich als Jugendliche einmal so sehr blutete, dass es mir die Beine hinunterlief und ich mein Bett inkl. Matratze völlig versaute. Ich habe meine Menstruation immer mit Ekel verbunden und sie mir immer weggewünscht. Natürlich sind die Schmerzen nicht schön und es gibt auch heute noch Tage wo ich es nicht schön finde diese Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen zu spüren und diese Unsicherheit „bin ich gut geschützt und läuft ja nichts daneben“. Es geht doch gar nicht darum, dass wir der Welt zeigen „hey, ich blute gerade!“ sondern viel mehr darum, dass wir den erlernten Ekel vor uns selber ablegen.
Warum soll etwas, was uns geschenkt wurde und uns reinigt und somit dienlich ist, etwas ekliges sein? Wir können uns doch glücklich schätzen, dass wir diese Reinigung erfahren – Männer haben nicht dieses Glück. Wir sind sogar in der Lage, wenn wir unser Blut sammeln, es als Ehrung Mutter Erde zu übergeben, ohne dass wir uns verletzen müssen. Was bitte machen da Männer? Überlegen wir doch mal bitte, wie viel Blut auf dieser Welt vergossen wird und das dieses Blut nur durch Verletzungen oder Tod den Menschen verlässt und Mutter Erde durchtränkt. Wir Frauen bluten ganz natürlich. Wir Frauen sind also in der Lage dieses Blut – und ich möchte es wirklich als heiliges Blut bezeichnen, denn es fließt ganz natürlich – welches ein Symbol unserer Weiblichkeit und Fruchtbarkeit ist, Mutter Erde als Gegenpol zu all dem anderen durch Gewalt fließenden Blut zu schenken.
Ich habe bei dem „Ritual zur Ehrung der blutenden Frauen“ sehr geweint und ich spürte den Schmerz des Blutes, welches mit so viel Ekel verbunden war für uns. Danach ließ ich mich in einer Gruppe zur Menstruationstasse beraten und kaufte mir die empfohlene Tasse. Seit dem sammle ich mein Blut und gebe es an Mutter Erde um sie zu ehren und ihr zu danken für dieses Geschenk, meine Weiblichkeit und meine Fruchtbarkeit. Ich schenke es ihr auch, um ihr Blut zu geben, welches gewaltfrei und somit frei von negativen Energien ist. Ich bin eine Frau und ich habe die Ehre bluten zu dürfen und ich habe eine schöne Vulva, die ich ehre und die geehrt werden darf. Ich habe keinen Grund mich für irgendetwas zu schämen oder zu ekeln, denn ich bin eine Frau und ich bin stolz darauf!

Ihr müsst nicht euer Blut sammeln, ihr müsst auch nicht euch vor den Spiegel setzen und euch eure Vulva ansehen, wenn ihr es nicht wollt. Nur denkt, Frau wie Mann, vielleicht einmal darüber nach, wie ihr zu dem Menstruationsblut und der Vulva steht und was vielleicht nur ein kleines Andersdenken mit euch machen würde und welches Geschenk es sein könnte, für euch und für andere Frauen und Männer.

Alles Liebe, eure Kerstin

Mondzyklus pixabay

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