~ wieder eine Lektion ~

Ich habe aktuell meine Mutti zu besuch. Sie hilft mir immer dann mit meinen Raubtieren, wenn ich mal wieder plane einen Workshop zu besuchen und dann womöglich mehrere Tage viel unterwegs bin.

20181109_114353 bearb Logo kleinerGestern waren wir spazieren und ein paar Besorgungen in der Stadt machen. Wir wollten uns gerade auf den Rückweg machen, als ich im Augenwinkel auf der anderen Straßenseite etwas Seltsames sah. Ich konnte es erst nicht erkennen. Etwas bewegte sich da auf dem Boden und das auf eine unnatürliche Art und Weise. Irgendwann verstand ich, dass dort eine verletzte Taube lag. Passanten gingen vorbei und schauten das verletzte Tier an, aber taten nichts. Auch meine Mutter und ich wollten erst weiten gehen, aber die ganze Zeit ratterte es in meinem Kopf „Was kann ich tun? Was ist zu tun?“ und dann wählte ich einfach die 112 und sagte, dass eine verletzte Taube auf dem Bürgersteig sich seltsam bewegt und vermutlich verletzt ist. Wir gingen dann zur Taube, die nun da lag und sich nicht mehr bewegte, heftig atmete und Flügel und Beine in einer seltsamen Stellung hielt. Es war kein schöner Anblick. Ich schickte Energie und mit einigen anderen Frauen warteten wir auf die Feuerwehr. Zeitgleich mit mir hatte eine andere junge Frau angerufen und den Notfall gemeldet. Das hat mich so unglaublich gefreut. Wir Frauen standen im Kreis um die Taube herum und versuchten ihr einen Raum zu geben, in dem sie sich sicher fühlte. Ich glaube niemandem war so richtig bewusst was wir da taten, aber das ist auch so unwichtig. Die anderen Passanten starrten, gafften oder lachten darüber, dass eine Taube dort liegt und wir uns um sie kümmerten. Mich machte das wütend und sehr traurig. Auch als sich dann zwei junge Frauen zu uns stellten und dann die Taube fotografierten. Ich fragte dann, ob das wirklich ihr Ernst sei. Sie meinte „So nah komm ich doch nie wieder an eine Taube.“. Ich muss es leider sagen, aber mich schockierten die Menschen. Ich spürte die Taube und mir tat es gut ihr etwas helfen zu können. Ich war froh, dass ich nicht weitergegangen war, sondern den Notruf gewählt hatte. Ich war noch nie in dieser Situation und ich wäre nur aus Unsicherheit weiter gegangen. Da steckt meine Angst und es beschämt mich, dass ich beinah nicht geholfen hätte. Ich rief nach 20min noch einmal an um nachzufragen und man versicherte uns, dass die Feuerwehr unterwegs sei. Irgendwann setzte sich die Taube dann auf und wir waren erleichtert zu sehen, dass sie sich offenbar nichts gebrochen hatte und auch die Beine und Flügel wieder eine natürliche Position einnahmen. Sie atmete noch immer schwer und war sehr verwirrt. Wir haben lange gerätselt und sind dann zu dem Entschluss gekommen, dass die Taube gegen ein Fenster geflogen sein muss. Die Feuerwehr kam dann auch und die zwei jungen Männer nahmen sie mit und in einer Vogelstation wird die Taube nun versorgt.

Ich bin sehr froh, dass wir alle der Taube geholfen haben. Was mich sehr bewegt ist meine Unsicherheit und dann die Wut, die ich auf die anderen Menschen hatte. Ich selber hätte doch beinah nicht geholfen. Das beschämt mich wirklich und macht mich traurig. (Ja, ich gehe da hart mit mir ins Gericht.) Nur bin ich auch froh, dass ich anders gehandelt habe und nun auch weiß, dass ich einfach nur den Notruf wählen muss und dann geht alles seinen Gang. Ich war noch nie zuvor in der Situation einem Tier helfen zu müssen und zu können und ich bin dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Danke dir Taube, dass du mir diese Lektion hast zu Teil werden lassen.

Alles Liebe, Kerstin