~ Drachenreise zur 5. Rauhnacht ~

20161210_182854_001-bearb-logo-kleinerGleißend hell ist es. Meine Augen müssen sich erst an das viele Licht und die Helligkeit gewöhnen.
Ich stehe mitten im Eis. Es ist kalt, so hell und voll glitzernder Eis- und Schneekristalle.
Noch bevor ich irgendetwas tun kann, sehe ich, wie ein weißer Drache, ein Eisdrache, von Menschen mit Speeren umzingelt und getötet wird. Ich versuche zu helfen, aber ich komme zu spät. Und er ist nicht der einzige getötete Drache. Über diese Eisfläche verteilt, findet dieses traurige Szenario insgesamt vier Mal statt, synchron. Vier wunderschöne Eisdrachen werden von Menschen getötet. Welch schrecklicher Anblick. Mir laufen die Tränen und sie fallen glitzernd aufs Eis, aber sie werden nicht reichen um das Eis zu halten. Es wird tauen und diese Menschen werden ihren Lebensraum verlieren. Sie werden sterben, so wie sie die Eisdrachen haben sterben lassen. Die Trauer über den Tod der Eisdrachen schmerzt in meinem Herzen und raubt mir den Atem.
Die Eisdrachen lösen sich auf und steigen las weißgoldener Schleier zum Himmel empor, um dort als Sterne zu leuchten.
Ich weine und schreie die Menschen an. Wie konnten sie nur so etwas tun? Mein Entsetzen ist so unbeschreiblich groß. Als ich mich etwas beruhigt habe, rufe ich all diese Menschen zusammen und frage nach dem Grund. Ich bitte sie um Erklärungen, aber es kommt nur eine – diese Drachen haben ab und zu ein Tier von ihnen gerissen, deswegen mussten sie sterben. Ich verstehe was sie bewegt hat und dass sie an ihr Überleben dachten. Und dann erkläre ich ihnen, welch einen großen Fehler sie gemacht haben. Dass diese Eisdrachen keine Bedrohung für sie wahren, sondern ganz im Gegenteil, sie ohne diese ihren Lebensraum verlieren werden und von diesen Drachen anhängig sind. Es ist still und ich spüre ihr Entsetzen und ihr Bedauern über diese Taten. Und ihre Angst wächst, denn es wird ihnen bewusst, was sie getan haben und welche Folgen es hat.
Nach einer Zeit sage ich „Ich hoffe darauf, dass irgendwann …“ und noch bevor ich den Satz beenden kann fallen die Sterne nieder. So viele Sterne fallen und bilden einen Eisdrachen, der größer als jedes Haus und Monument dieser Welt ist. Größer als jede Vorstellung es sich einzubilden vermag. Die Menschen und auch ich sind starr vor Erstaunen und ich spüre die Erleichterung, auch wenn trotz allem eine Angst unterschwellig mitschwingt. Er speit Eis und die Eisfläche wird stabiler und größer. Dann legt er sich ins Zentrum des Eises nieder, um dann mit dem Eis zu verschmelzen und als Eisberg über das Eis zu wachen.
Die Menschen pilgern dort hin und legen Opfergaben nieder. Sie verehren diesen Eisdrachen und wissen nun zu schätzen was sie haben und welch Geschenk ein Drache in ihrem Leben ist.

~ © Kerstin Kochler