~ Brief an das Leben ~

Hallo Leben,

wie oft saß ich da und habe dich weinend gebeten, dich zu ändern. So ganz. Um 180 Grad. Einfach nur glücklich sein, mehr wollte ich doch gar nicht. Nur ein Fingerschnipsen und alles wäre anders – und schön. Habe ich denn nicht ein schönes Leben verdient?
Wie oft habe ich mir das gewünscht und nie hast du es mir erfüllt. Immer nur Leid und Schmerz und Qual. Erinnerungen an Altes, Schmerzen der Vergangenheit, immer fern vom Jetzt.
Wie lang habe ich gewartet und geweint und gefleht – ohne dass es geschah. ?

Und dann tat ich das, was ich gern tat – ich las. Es war kein besonders aufregendes Buch, leicht und locker geschrieben und etwas verwirrend. Und dann … am Ende des Buches stellte sich mir die Frage „Was wäre wenn sich dein Leben, jetzt sofort, so verändern würde, wie du es dir ersehnst? Würdest du damit zurecht kommen?“. NEIN, das würde ich nicht. Ich würde wie die Figur nach dem Alten suchen, denn es muss mich ja kennen. Ich würde nicht das neue, so lang ersehnte Leben genießen, denn es wäre mir fremd und viel zu plötzlich da. Ich wüsste gar nicht wie mir geschehen würde und könnte all das Neue gar nicht zuordnen und somit auch nicht lieben.

lebenIch danke dir Leben, dass du so warst wie du warst. Dass du mir gezeigt hast was möglich ist – was ich kann und was nicht. Danke, dass du mir die Dunkelheit und den Schatten gezeigt hast, der Teil von mir ist und dem ich Nahrung gebe. Und danke, dass du mir den Weg ins Licht gezeigt hast – nicht, dass ich den Schatten abhänge und loswerde, sondern damit er einen Gegenpol bekommt und du bunt werden kannst. Bitte verzeih, dass ich so lang dich gehasst und abgelehnt habe, Leben. Bitte verzeih mir meine Unwissenheit, denn ich war verwirrt und hatte vergessen. Danke, dass du mir Menschen sandest, die mich auf den Weg des Erwachens brachten und begleiten, die mich sehen und mehr in mir als ich selber erkennen kann. Danke, dass ich sein darf, mit all meiner Liebe und mit all meiner Angst.

Danke, dass ich lebe Leben.

~ © Kerstin Kochler